Netflix-Serie "Sex Education": Ita O'Brien exklusiv im Interview

Was macht ein "Intimacy Coordinator"?

von Ursula Schmied
Es ist ein recht neuer Job in Hollywood und einer, der ganz bitter notwendig war: der des Intimacy Coordinators. Dessen Aufgabe ist es, Sexszenen zu koordinieren und zu überwachen –?und noch vieles mehr. Was man da genau macht? GLAMOUR hat deutschlandweit exklusiv mit Ita O'Brien gesprochen –?Intimacy Coordinator am Set der neuen Netflix-Serie "Sex Education" und federführende Frau in diesem neuen Berufsfeld

Sexszenen  geh?ren zu den meisten Filmen und Serien wie das "Amen" in der Kirche. Dass jahrelang genau diese Szenen ohne klares Regelwerk gedreht wurden und mancher Schauspieler und vor allem manche Schauspielerin mehr von sich preisgab, als ihm oder ihr vielleicht lieb war, ebenso. Die Rolle k?nnte das verlangen, die Karriere vielleicht auch. Es brauchte den haarstr?ubenden Weinstein-Skandal und in der Folge Bewegungen wie "#MeToo" und "TimesUp", um auf sexuelle Ausbeutung im gro?en Stil in Hollywood aufmerksam zu machen. 

Junge Darstellerinnen wie Emma Mackey aus "Sex Education" fragen berechtigterweise: "Wenn es um Stunts geht, hat man ja auch einen Stunt Coordinator. Und bei Sex soll man einfach wissen, wie man das am besten auf die Leinwand bringt?" – Damit ist jetzt Schluss! Intimacy Coordinators (deutsch: Intimit?ts-Trainer) kommen an die Sets, um die Schauspielerinnen und Schauspieler zu schützen. Genau deshalb engagierte der amerikanische Streaming-Dienst Netflix für seine neue britische Originals-Serie "Sex Education" Ita O'Brien. GLAMOUR-Redakteurin Ursula Schmied hat sie in Australien telefonisch erreicht.

GLAMOUR: Frau O'Brien, wie sieht ein normaler Tag eines Intimacy Coordinators am Set aus?

Ita O'Brien: Ich bin für die klare Choreographie der Sexszenen verantwortlich. Mein Tag am Set von "Sex Education" sah so aus: Ich besprach am Drehtag vor Ort mit Schauspielern und Regisseur die Sexszene und wir überlegten uns eine Choreographie, danach wurde erst gefilmt. Ich kontaktierte die Schauspieler au?erdem bereits einige Tage vor dem eigentlichen Drehtag, um mit ihnen die Szenen zu besprechen und m?gliche Bedenken direkt anzusprechen. Es geht in den festgelegten Richtlinien um Grunds?tzliches: Ist es okay, wenn du hier angefasst wirst? Ist es hier nur ein Kuss und ein Schmatzer? M?chtest du, dass man dieses K?rperteil sieht? Man kl?rt ganz klar ab, was man nachher auf dem Bildschirm sehen wird - keine überraschungen.

Das ist die Frau, die die Film- und Serienwelt dringend gebraucht hat: Ita O'Brien, Intimacy Coordinator. Sie hat unter anderem die jungen Schauspieler der Netflix-Serie "Sex Education" bei ihren Nackt- und Sexszenen unterstützt und begleitet.

Sobald sich die Schauspieler bei "Sex Education" sicher und wohl fühlten, wurde mit mit Maske und Kostüm losgelegt, die Szene wurde im Set geprobt, die Kamerawinkel eingestellt. Mein Job ist aber auch, sich um die Schauspieler in den Nacktszenen zu kümmern: Gibt es eine Decke, einen Mantel, den man schnell überwerfen kann? Ist ein warmes Getr?nk in greifbarer N?he? Ist wirklich alles verdeckt, was verdeckt sein soll? Wenn der Dreh dann mal l?uft, kann ich als Intimacy Coordinator die Szene immer bedenkenlos in die H?nde des Regisseurs legen – denn die Choreographie ist mit allen besprochen und vor allem von allen abgesegnet.

Am Ende jeder abgedrehten Szene halte ich Rücksprache mit den Schauspielern, ob sie mit den Aufnahmen zufrieden sind. Und auch ein paar Tage sp?ter vergewissere ich mich bei den Schauspielern und auch beim Regisseur, ob sie mit dem Resultat wirklich glücklich  sind.

Hatten Sie jemals das Gefühl, dass Sie am Set gutes Benehmen lehren mussten?

Ja. Bei "Sex Education" hatten wie einen Tag lang einen Workshop, in dem wir die Richtlinien besprochen haben, sodass jeder wusste, was er genau zu tun hat. Das schwei?te Cast und Crew eng zusammen. Bei dieser Serie waren unerfahrene Schauspieler dabei, die noch nie eine Sexszene gedreht hatten und sehr nerv?s waren.

Intimacy Guidelines

Im Regelwerk, das Ita O'Brien aufgsetzt hat, werden grundlegende Fragen zu Nacktszenen, simulierten Sexszenen und Intimit?t am Set gekl?rt. Hier k?nnen Sie die Guidelines nachlesen. Besonderen Wert legt O'Brien auf Transparenz und vorherige Absprachen bei expliziten Szenen. Nur so k?nne ein sicheres Umfeld am Set geschaffen werden, ist sie überzeugt.

Es ist wichtig, dass gerade die jungen Schauspieler wissen, dass sie sich nicht alles gefallen lassen müssen. Deshalb gibt es diese ganz klaren Richtlinien, so kann zwischen Schauspielern und Regisseur erst gar kein Missverst?ndnis aufkommen. Mit den Guidelines sind auch Sexszenen ganz normale Szenen, weil sie durchgesprochen und choreographiert werden und keine Fragen offen lassen. Das war bei "Sex Education" gro?artig: Ein Schauspieler war vor seiner allerersten Sexszene wirklich aufgeregt und am Ende best?tigte er, dass diese Szene "wie jeder andere auch" gewesen w?re. Ziel ist, dass es keine überraschungen gibt – dann sind die Schauspieler auch entspannter und das macht die gespielte Figur dann auch glaubhaft. Es ist ein Privileg, diese Sicherheit und Stabilit?t zu verantworten und ein bestm?gliches Ergebnis für alle zu garantieren.

Wann haben Sie bemerkt, dass wir, Gesellschaft und Filmindustrie, Intimit?ts-Trainer brauchen?

Ich bin seit 35 Jahren in der Unterhaltungsindustrie t?tig. Ich begann als T?nzerin in den 1980er Jahren. Mir wurde zum Beispiel angeboten, als K?rper-Double zu arbeiten. Das war zwar schmeichelhaft, aber ich habe mich damit nicht wohlgefühlt und diese Rollen abgelehnt. Seit 2006 arbeitete ich dann für die n?chsten elf Jahre als Bewegungscoach.

2014 fragte ich mich selber, wie sich meine Schauspieler am Set hundertprozentig sicher fühlen k?nnten. Ich habe Untersuchung angestellt und die im Video "Does my Sex offend you?" zusammengefasst.

Daraufhin baten mich Kollegen, die Ergebnisse zu teilen, weil gerade junge Schauspieler nicht wüssten, wie sie sich bei expliziteren Szenen korrekt verhalten sollten. Seit 2015 unterrichte ich genau das – und versuche, die erarbeiteten Richtlinien bei Schauspielern, Regisseuren und Produzenten zu verankern.

Wir sind alle Profis und keiner muss einer Szene zustimmen, mit der er sich unwohl fühlt. Die Guidelines sind ein Regelwerk, in dem die Zusammenarbeit für Sex- und Nacktszenen genau festgelegt ist. Einmal unterschrieben, ist es bindend – für alle Seiten. Und Sonderwünsche k?nnen nicht einfach eingefordert werden.

"#Metoo", die Weinstein-Festnahme und "#TimesUp" sorgten dafür, dass sich die Richtlinien zu einer Art "Code of Conduct" etablierten, in dem festgelegt wird, dass keiner Angst in seinem Job  haben muss. Ich arbeitete unabh?ngig von "#Metoo" an diesem Regelwerk und dann wurden es pl?tzlich ben?tigt – ich finde es toll, dass die Filmindustrie nun damit gegen Machtmissbrauch und sexuelle Ausbeutung vorgeht.

Gab es jemals Beanstandungen der Richtlinien?

Eigentlich nicht, man musste nur Ort und Zeit für die Intimacy Coordinators finden. Inzwischen lehre ich die Richtlinien an Schauspielschulen, gemeinsam mit Bewegungs-Coaches. Die Extrazeit, die die Proben der Nacktszenen einfordern, kann man dann besser einplanen. Eine neue Set-Struktur war n?tig. Auf dem Papier sieht das alles einfach aus, aber es ist ein Prozess, den man erarbeiten muss. Ganz grundlegende Fragen zu Sexszenen müssen vorab beantwortet werden: Was brauchen wir? Wie setzen wir es um? 

In "Sex Education" haben wir das alle gemeinsam sehr gut hinbekommen. Egal, ob im Fall von gleichgeschlechtlichen Paaren oder jemandem, der sich einfach unsicher fühlte – wir haben hier in einem laufenden Prozess gemeinsam eine L?sung erarbeitet und einen Platz für den Intimit?ts-Coach am Set gefunden.

Bei einer lesbischen Sexszene etwa wird dann darauf geachtet, dass der Gro?teil der Crew ebenfalls aus Frauen besteht und sich die Schauspielerinnen wohlfühlen. Das war bei dieser Netflix-Serie einfach vorbildlich. "Sex Education" hat zudem ein au?erordentlich gutes Drehbuch, das machte die Arbeit bedeutend leichter. Der Cast ist ganz besonders, die Schauspieler sind toll. Die Nacktszenen sind liebevoll und realit?tsnah umgesetzt – deswegen kann man sich mit den Figuren in der Serie so gut identifizieren.

Im Fall von "Sex Education" war das alles besonders sch?n: Das Produktionsteam und ich veranstalteten vor Drehstart einen Tag, an dem wir die Richtlinien für die relevanten Szenen mit allen Schauspielern durchsprachen. Es ist das erste Mal, dass ein Intimacy Coordinator mit am Set einer Serie war.

Als Zuschauer merkt man das. "Sex Education" gl?nzt n?mlich nicht nur wegen seiner wirklich guten und nachvollziehbaren Story, sondern auch wegen seiner liebevollen Umsetzung der Sex- und Nacktszenen. Diese Serie holt uns einfach ab – ganz ohne unnützes Drama, ohne unn?tige Nacktszenen und unglaubwürdig glamour?se Sexszenen. "Sex Education" ist unser unbestrittenes Serien-Highlight im Januar 2019 – nicht zuletzt, weil ein Intimacy Coordinator mit am Set war.

"Sex Education" ist ab dem 11. Januar 2018 bei Netflix im Stream abrufbar. 

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