Social Distancing: Sozialleben auf Abstand

Wie wir jetzt unsere zwischenmenschlichen Beziehungen st?rken

von Sarah Thiele
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Das Coronavirus stellt unser Leben auf den Kopf – vor allem unser soziales. Unsere Redakteurin Sarah Thiele sieht darin jedoch eine Chance fu?r uns Menschen und unsere Zukunft

Die ersten warmen Sonnenstrahlen streifen mein Gesicht. Ich kann sie riechen und recke den Kopf weiter über das Balkongel?nder. Aus dem Schatten weiter ins Licht. Helle Punkte tanzen vor meinen geschlossenen Lidern. Einen Moment lang will ich all das noch wahrnehmen. Den Morgen. Die Welt da drau?en. Die Menschen, die fehlen. Den kühlen Wind, die jetzt ruhigere Hauptstra?e, das Rauschen der B?ume, dass ich vorher nie h?ren konnte – eine merkwürdig friedliche Gro?stadtstille. Als ich die Augen ?ffne, entdecke ich einen Mann vom Haus gegenüber. Er steht ebenfalls auf seinem Balkon, h?lt eine Tasse in der Hand und schaut mich an. Ich l?chle, er l?chelt zurück, wir nicken uns zu. Für einen Moment ist da eine Verbindung. Keine romantische, keine sexuelle, es ist ein unschuldiges "Ich sehe dich. Und das ist sch?n. Obwohl ich dich nicht kenne." 

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So starte ich nun meine Tage im Homeoffice. Es ist die Realit?t vieler Menschen seit Covid-19. Das Coronavirus bringt gro?es Leid, Unsicherheit und Angst mit sich – es hat aber auch etwas geschafft, von dem wir dachten, nur ein zweiter Urknall k?nne das: unserem globalisierten, auf Leistung, Egoismus und Konsum fokussierten Dasein den Stecker zu ziehen. Die Welt h?lt buchst?blich den Atem an. Unser Leben, wie wir es kannten, wurde innerhalb weniger Wochen aus seinen Angeln gehoben. Nichts geht mehr. Insbesondere, was soziale Interaktionen betrifft. 

Zukunftsforscher sieht Chance in der Krise

"Es gibt historische Momente, in denen die Zukunft ihre Richtung ?ndert. Wir nennen sie Bifurkationen. Oder Tiefenkrisen. Diese Zeiten sind jetzt", erkl?rt der Trend- und Zukunftsforscher Matthias Horx ( horx.com, zukunftsinstitut.de). Und dass in dieser Krise auch eine Chance liegen würde. Denn wie wir nach Corona weiterleben wollen, entscheiden allein wir Menschen. Das mag erst mal wie ein schlechter Scherz klingen, wenn man an Quarant?ne, erzwungene Isolation und Hamsterk?ufe denkt. Und es stimmt, physisch erleben wir derzeit ein Auseinander statt des gewohnten Miteinanders. Mental jedoch rücken wir enger zusammen als je zuvor. Pr?-Corona waren wir uns zwar k?rperlich n?her, dafür waren wir im Kopf in der Regel bei uns selbst. Wir haben passiv und exzessiv Kontakte konsumiert, ohne ihren Wert zu verstehen. Jetzt nehmen wir Interaktionen wieder bewusst wahr, wissen sie zu sch?tzen. Deshalb verstehen wir, obwohl wir uns nicht spontan mit Freunden treffen k?nnen: Sie sind trotzdem da. Um mit ihnen und einem Aperol die ersten Sonnentage im Jahr zu begrü?en – via Skype, den sozialen Medien und den vielen anderen Wegen, die wir nun zur aktiven Kommunikation nutzen. Wenn das Telefon jetzt klingelt, gehen wir ran. Vor ein paar Wochen noch h?tten wir genervt gewartet, bis der Anrufer aufgibt, um danach weiter auf Instagram nach oberfl?chlicher Zerstreuung zu suchen. 

Es findet ein Shift der Werte statt. Egoismus und darwinistisches Denken – Eigenschaften, die bisher in der patriarchalen Welt ganz hoch im Kurs standen – helfen nichts, wenn es darum geht, ganze Unternehmen vom Wohnzimmer aus zu leiten, oder wenn die Sorge der Eltern vor der Zukunft überhandnimmt. Dafür erleben F?higkeiten wie Verbindlichkeit, H?flichkeit, Empathie und Teamf?higkeit ein Momentum. Wir k?nnen unbefangener über ?ngste sprechen, weil man dafür nun nicht mehr als schwach abgestempelt wird. Im Gegenteil, dieses Offenlegen der eigenen Emotionen bringt uns zusammen. 

An der Ruhr-Uni Bochum führt die Glücksforscherin Julia Krasko mit ihrem Team aktuell eine Studie durch, die sich mit den sozialen Auswirkungen des Coronavirus auseinandersetzt. Der Expertin zufolge bestehe die Chance, dass Menschen durch die Extremsituation mehr zusammenrücken: "Es ist durchaus m?glich, dass nahe Beziehungen noch st?rker werden und lose Beziehungen an Bedeutung verlieren." 

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Freunde und Familie werden wieder wichtiger

Schon seltsam, wie schnell Bilder von "Outfits of the Day" und Luxusgütern ihren Glanz verloren haben, wie verzichtbar das ganze Sehen-und-gesehen-Werden geworden ist – jetzt, wo es um Existenzen und die eigene Sicherheit geht hier im globalen Norden. Es ist eine Lektion, die wir ernst nehmen sollten. Denn so aufwühlend diese Zeit sein mag, sie erweist uns einen Dienst: Sie macht uns die Bedeutung von Familie und Freunden wieder klar, sie zeigt, dass kein Mensch über einem anderen steht – und wir nicht über der Natur. All das sollte selbstverst?ndlich sein, trotzdem ist es im Strudel aus Egoismus, Selbstinszenierung, Konsum und Stress ins Hintertreffen geraten. "Viele werden diese Zeit nutzen, um in Beziehungen zu investieren, viele werden aktiv etwas dafür tun, den Kontakt aufrechtzuerhalten", so Glücksforscherin Julia Krasko. 

Doch nicht nur die Beziehungen zu den N?chsten k?nnten wieder enger werden. Es besteht nun auch eine Chance für eine globale Solidarit?t. Zu beobachten ist das wohl am besten in Italien, wo Millionen Menschen für Wochen zu Hause bleiben mussten. Tagelang organisierten sie Balkonkonzerte durch Online-Aufrufe. 

Pl?tzlich vergessen ist die Abneigung gegen den unliebsamen Nachbarn, pl?tzlich ist da keine mentale Distanz mehr zwischen Fremden. Und mit Freunden, Partner*innen, Familie sind wir zusammen allein in dieser Zeit, die wie der Plot eines Katastrophenfilms wirkt. Es ist eine kollektive Verbundenheit, die über L?ndergrenzen wirkt, auch wenn diese zum ersten Mal im Leben von Millennials und Gen Z geschlossen werden. Denn überall auf der Welt stehen die Menschen nun vor denselben Herausforderungen, die nur gemeinsam gemeistert werden k?nnen. Wichtig dabei: die Angst vor dem eigenen Privilegienverlust nicht die Oberhand gewinnen zu lassen. 

Zukunftsforscher Matthias Horx skizziert in seiner Zukunftsvision für die Zeit nach Corona Folgendes: "Krisen wirken vor allem dadurch, dass sie alte Ph?nomene aufl?sen […] Dass Menschen trotz radikaler Einschr?nkungen solidarisch und konstruktiv bleiben konnten, gab den Ausschlag: die human-soziale Intelligenz." 

Ich m?chte glauben, dass wir das schaffen k?nnen. Und es nicht sofort vergessen, sobald das Leben wieder halbwegs normal verl?uft. Ich halte an diesem Wunsch fest und denke jeden Morgen daran, wenn ich meinen Nachbarn sehe, dessen Sohn und Frau ich mittlerweile auch schon kennengelernt habe. über die Stra?e hinweg.

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