Single-Kolumne, Teil 45

Mein Datingleben ist mittlerweile so eingetrocknet wie meine Zimmerpflanze – bis ich diese Erkenntnis hatte

von Kathi Killmann
*Hinweis zu Affiliate-Links: Alle Produkte werden von der Redaktion unabh?ngig ausgew?hlt. Im Falle eines Kaufs des Produkts nach Klick auf den Link erhalten wir ggf. eine Provision.
Unsere Autorin Kathi Killmann hat die 30 überschritten und ist pl?tzlich wieder Single. W?hrend ihre Freunde der Reihe nach Kinder kriegen, heiraten und aufs Land ziehen, sucht sie zwischen Datingportalen und Barbesuchen nach ihrem Deckel und stellt fest – so einfach ist das alles gar nicht mehr, aber Spa? macht es trotzdem! Sie nimmt uns mit auf ihre Suche nach dem Richtigen und berichtet w?chentlich von ihren Erlebnissen und Erkenntnissen. Weiter geht's mit Folge 45: Warteschlangen und Datingwüsten

Von der Wand in meinem Büro blickt Andy Warhol zu mir herunter. "The idea of waiting for something makes it more exciting", sagt er mir t?glich mehrfach, wenn ich auf eine wichtige Mail warte, auf den Anruf, der schon lange aussteht oder die ersehnte Terminbest?tigung. Andys Mantra hat mich bisher ganz gut durch den Alltag geführt und l?stiges Warten ein bisschen ertr?glicher gemacht. Mittlerweile ertappe ich mich aber h?ufiger bei dem Gedanken, ob das da ein zynisches Grinsen auf seinem Gesicht ist. More exciting? Not exciting! Ich habe sowas von absolut keine Lust mehr zu warten. Auf besseres Wetter, auf Freitag, auf die Nachricht, ob es mit der neuen Wohnung klappt, auf die ?ffnung der Bars und Restaurants, auf die Aufhebung der Kontaktbeschr?nkung, auf mein Abendessen und auf eine Antwort von Lukas. More exciting? Andy, wir müssen reden! 

Auf der anderen Seite ist das Gras viel grüner

Seit Mitte M?rz halte ich Mindestabst?nde ein, sehe kaum Leute und mein Datingleben ist mittlerweile so eingetrocknet wie die Bananenpflanze auf meinem Fensterbrett, die seit Tagen auf Wasser wartet. Das arme Ding. Gut, da kann ich abhelfen. Aber wie erwecke ich meine Datingwüste wieder zum Leben? Ich muss an das scheu?liche Wandtattoo im Wohnzimmer meiner Ex-Fast-Schwiegermutter denken "Leben hei?t nicht zu warten, dass der Sturm vorüberzieht, sondern lernen, im Regen zu tanzen." Na bitte, der Regentanz – also ab nach drau?en – Problem gel?st? Ich wei? nicht so recht. Dann doch lieber die Andy-Strategie. Aber ganz ehrlich, momentan f?llt es mir sehr schwer, dieser Warterei etwas Positives abzugewinnen. Oder noch optimistischer gedacht, die Wartezeit in Carpe-diem-Manier gar nicht als Zeit des Wartens zu empfinden.

Momentan sehe ich nur, dass das Gras anderswo mal wieder viel grüner ist: Bei meinen Freunden, die sich gerade nach einem Haus im Grünen umschauen, bei den anderen beiden, die jetzt die Früchte ihrer Arbeit geerntet haben und ein Sabbatical nehmen, bei Mary und Hannes, die gestern über Skype verkündet haben, dass da ein Spross unterwegs ist und bei Vicky und Chris, die am Wochenende ihren ersten Baum gepflanzt haben. Bin ich eigentlich die Einzige, die das Gefühl hat, dass das Leben gerade irgendwie im Wartemodus verharrt, w?hrend die Zeit trotzdem nicht stehen bleibt? Die Einzige, die noch so grün hinter den Ohren ist, dass der Gedanke an Nest- und Gartenbau noch ein sehr zartes Pfl?nzchen ist? So, Schluss mit der botanischen Selbstmitleid-Metaphorik. Kritischer Blick zu Andy und ein Vorsatz: Ich sollte dieses Bild abh?ngen – und die Banane gie?en.   

Warten – eine verlernte Kunst

Eine Stunde sp?ter vor dem Supermarkt – klar, mal wieder warten. Griff zum Handy – und als h?tte ich meinen Suchalgorithmus über meinen momentanen Warte-Hate informiert poppt eine Push-Nachricht meiner Zeitungsapp auf: "Gelassen zu warten ist ein subversiver Akt". Die Schlange ist lang, ich habe Zeit und lese mir das komplette Interview mit Timo Reuter durch, der ein Buch mit dem Titel "Warten – eine verlernte Kunst" geschrieben hat.

Ich fasse mich mal kurz, falls du die Kolumne gerade auch in einer Warteschlange liest: Timo Reuter erkl?rt, dass nicht das Warten an sich das Problem ist, sondern dass wir uns dadurch fremdbestimmt fühlen. Er r?t dazu, die Perspektive zu ?ndern und das Warten als geschenkte Alltagsunterbrechung zu begreifen – das "kleine Glück des Wartens". (Also doch Carpe diem). Er sagt: "Man nimmt so etwas wahr, was man vorher nie bemerkt hat. Man begegnet einem Menschen, es kommt zu einem Gespr?ch, einer Erkenntnis, einer Idee. Wer nicht besch?ftigt ist, wer auf kein Display starrt, horcht in die Welt hinaus und lauscht in sich selbst hinein. Irgendetwas passiert eigentlich immer, sobald man sich nicht verschlie?t." Ein sch?ner Gedanke, wie ich finde.

An der langen Schlange vor der Kasse bietet sich auch gleich die M?glichkeit, Reuters These auszuprobieren. Ich lasse die betagte Dame hinter mir vor – ich brauche ja etwas übungszeit. Sie freut sich sehr, schnappt sich meine Tafel Schokolade vom Kassenband und sagt: "Die übernehme ich." Ich schaue sie verdutzt an und bedanke mich herzlich. Das ist es also, das kleine Glück. Und zuhause sehe ich, dass die D?rrbanane auf meinem Fensterbrett einen neuen Trieb gebildet hat – noch mehr kleines Glück. Ich übe mich jetzt also im selbstbestimmten Warten und freue mich zwischendurch über die vielen kleinen sch?nen Momente, die mein Leben reicher machen – so viel zu meiner Single-Erkenntnis 045. Nicht, dass dadurch aus meiner Datingwüste eine blühende Oase geworden w?re, aber warten wir’s ab, der erste Samen ist ges?t. 

Mehr von GLAMOUR
Weitere Artikel
男女做爰高清免费视频-骚虎视频-4虎视频